GEORGIEN

Tbilisi – Ein Bummel zwischen Kulturen

Tbilisi umgibt ein Tarnmantel. Eine schäbige Schutzschicht aus Sowjet-Platten, an deren Fassaden der Staub der Vergangenheit haften geblieben ist, während sich der Putz langsam von den Mauern löst. Dieser Baustil nennt sich Brutalismus – wie treffend. Doch je weiter man die Randbezirke hinter sich lässt und Richtung Zentrum gelangt, desto häufiger gerät man ins Staunen. Spuren der Sowjetära vermischen sich mit vollverglasten Bürotürmen, futuristischen Baukörpern, opulenten Jugendstilvillen und den Kuppeln orthodoxer Kirchen.

In Seelenruhe startet Tbilisi in den Tag. Wir schlendern durch die verwinkelten Gassen der Altstadt. Eine Katze streunt über das löchrige Kopfsteinpflaster, streift mein Bein, maunzt und bettelt nach Liebkosungen. Der Duft frisch gewaschener Wäsche weht von einem kunstvoll geschnitzten Holzbalkon herunter und mischt sich mit dem Muff alter Mauern. Neben frisch renovierten Häusern bröckeln die Fassaden vernachlässigter Gebäude, große Risse zieren die Wände, Balkone drohen den Halt zu verlieren. Den Folgen der politischen Geschichte und großer Armut kann man auch im Stadtzentrum nicht entkommen.

Im adretten Bäderviertel Abanotubani leuchten die Backsteinkuppeln der Badehäuser aus dem Grün einer gepflegten Parkanlage. Uns ist es zu heiß für ein Schwefelbad, doch im 13. Jahrhundert soll es 65 Bäder gegeben haben, die die heißen Quellen unter der Stadt nutzten. Auf Marmorstein liegend wurde man abgeschrubbt und massiert und pflegte nebenbei seine sozialen Kontakte. Acht Bäder sind verblieben, darunter auch das kunstvoll verzierte Orbeliani-Bad.

 

Abanotubani ist das traditionsreiche Bäderviertel in Tbilisi
Die Backsteinkuppeln der Schwefelbäder im Bäderviertel Abanotubani

 

Ein Händler häuft auf seinem Stand behutsam Granatäpfel, Orangen und mit Beeren gefüllte Plastikbecher zu kleinen Pyramiden, darüber baumeln Tschurtschchelas, pappsüße Nuss-Sirupschlangen. Wir kaufen ihm zwei Becher frisch gepressten Granatapfelsaft ab und treiben weiter durch die gepflegte Anlage des Rike Park zur Friedensbrücke, die die Ufer der Kura verbindet. In der Nacht wird die Fußgängerbrücke mit dem geschwungenen Glasdach von unzähligen Lichtern beleuchtet, jetzt sitzt dort ein Musiker auf dem Boden und zupft melancholische Lieder auf seiner Gitarre. Von der Mitte der Brücke werfen wir einen Blick auf die silberglänzenden Röhren der Theater- und Ausstellungshallen und auf das pilzförmige Verwaltungszentrum. Die auffälligen Bauten wurden von dem italienischen Architektenpaar Fuksas entworfen und prägen entscheidend das Bild der Innenstadt.

 

 

Die Sonne knallt inzwischen erbarmungslos vom stahlblauen Himmel herunter. Zeit aufzutanken und abzukühlen. Im ehemaligen Jugendstil-Prunkviertel Sololaki finden wir ein verträumtes Restaurant in einem Hinterhof, bestückt mit bunt zusammengewürfelten Möbeln und einem großen Baum, der Schatten spendet. Die kulinarischen Genüsse Georgiens beschränken sich nicht nur auf grandiosen Rotwein. Unter den traditionellen Gerichten gibt es etliche Köstlichkeiten mit Suchtfaktor, die eine spannende Kombination aus westlichen und östlichen Einflüssen ist. So schaffen wir es problemlos, einen halben Tag zu vertrödeln und in die sommerliche Leichtigkeit von Tbilisi einzutauchen.

Mühsam raffen wir uns auf und schlendern über den Dry Bridge Market. Ein Flohmarkt, auf dem man einen skurrilen Mix aus Gemälden von jungen Künstlern, nostalgischem Geschirr, Wollkniestrümpfen mit knallbunten Mustern und Mützen aus Bärenfell erwerben kann. Benno kauft einen Dolch aus Silber, der zwar sehr alt aussieht, es mit ziemlicher Sicherheit aber nicht ist. Wir gelangen in verwinkelte Gässchen, in denen Weinreben die Mauern emporklettern und kleine Blätterdächer bilden, laufen vorbei an einem Teppichhändler, winzigen Cafés, einer ehemaligen Karawanserei und weiter eine schweißtreibende Anzahl Treppenstufen hinauf zur Betlemi-Kirche. Von hier aus könnte man auf einem schmalen Pfad auf den Sololaki-Gebirgskamm hinauflaufen und der Monumentalstatue Kartlis Deda, Mutter Georgiens, einen Besuch abstatten. Seit über 60 Jahren lächelt sie mit einem Schwert in der Hand auf Tiflis hinab. Man könnte auch ein paar Schritte weiter laufen, um die von den Persern erbaute Nariqala-Festung aus der Nähe anzusehen, einen Blick auf die ganze Stadt zu werfen und danach mit der Seilbahn zurück ins Zentrum zu gleiten. Bei uns siegt die Faulheit. Und wir haben eine Verabredung.

 

Typische Gasse in Tiflis

 

Sandro, unser Gastgeber und herausragender Künstler hat uns auf Whisky mit Cola und schweren georgischen Rotwein eingeladen. Georgier sind unglaublich gastfreundlich, wenn man ihnen die Zeit gibt, aufzutauen. Dieser Prozess wird beschleunigt, indem man sich als Nichtrusse oder Russengegner outet und restliche Zurückhaltung gemeinschaftlich mit Hochprozentigem hinunterspült. Sandro gehört zu der hartnäckigen Sorte. Doch nach dem zweiten Glas wird er gesprächiger und erzählt von seinen Kunstprojekten in seiner Heimatstadt Riga und seinen Erfolgen in Georgien. Sandro hat in ein altes Haus im oberen Betlemi-Viertel mit Blick auf ganz Tbilisi investiert und drei Wohnungen zur Vermietung an Touristen ausgebaut. Sehr stilvoll und mit sehr viel Liebe zum Detail. Er ist damit nicht der Einzige. Immer mehr Investoren aus dem In- und Ausland erkennen das Potential von Tbilisi und kümmern sich um die aufwendige Restauration der verfallenden Gebäude. Die Arbeit wird in den nächsten Jahrzehnten so schnell nicht ausgehen.

 

Die Altstadt von Tbilisi
Tbilisi’s Altstadt am Fuß des Sololaki-Gebirgskamms, auf dem die Festung Nariqala thront. Für Fußfaule gibt es eine fast nimmermüde Seilbahn.

 

Es ist Samstag und Tbilisi feiert. Von den Dachterassen der Clubs und Restaurants mischt sich Livemusik mit Elektrojazz in die laue Sommernacht, Stimmengewirr hallt aus den Gassen zu unserm Balkon empor. Der Fernsehturm auf dem Mtazminda-Berg wechselt seine Farbe von Blau über Lila zu Gelb und über unsere Köpfe hinweg surrt die über hundert Jahre alte Seilbahn den Sololaki-Kamm zur beleuchteten Festung Nariqala hinauf. Wir leeren die letzten Tropfen des samtigen Rotweins und lassen uns von den Geräuschen der Stadt durch die Nacht tragen.

 

 

 

 

 

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