GRÖNLAND

Grönland – Sommertage am Eismeer

Kennt ihr das? Man wählt das Reiseziel in der Hoffnung etwas Neues zu entdecken, etwas touristisch Unberührtes und Exotisches? Grönland klingt für mich außerordentlich exotisch, trotzdem sitzen jede Menge Japaner, Amerikaner und Europäer mit uns im Flieger aus Reykjavik. Grönland ist zwar die größte Insel der Erde, hat aber nur wenige bewohnte Siedlungen. Praktischerweise liegen die alle an der Küste, dazwischen gibt es nämlich keine Straßenverbindungen. Die Einwohner nutzen ihre Boote, und wenn das Land wieder unter einer Schneedecke versinkt, werden die Hunde von ihrer Sommerpause erlöst und vor die Schlitten gespannt. Im De Hoop Nationalpark in Südafrika hatten wir Stunden in der glühenden Hitze auf einer Düne verbracht, um nach Walfischen Ausschau zu halten. Erfolglos. Beim Anflug auf Illulisat entdecke ich gleich mehrere Tiere in den eisigen Buchten. Zwischen zugefrorenen Flächen und karger, felsiger Landschaft landen wir am beschaulichen Flughafen und werden in einem Sammelbus recht unexklusiv zu unserem Hotel gebracht. Viel Auswahl gibt es hier nicht. Der Tourismus ist wichtiger Bestandteil der Wirtschaft, steckt aber noch in den Kinderschuhen.

Unser Hotel liegt am Rand von Ilulissat am Meer. Immerhin knapp 5.000 Menschen leben hier. Eine ganze Menge, denn Grönland ist nach der Antarktis das am wenigsten besiedelte Land und hat insgesamt nur 55.000 Einwohner. Von unserem Zimmer blicken wir auf das glitzernde Wasser der Discobay, in dem Eisberge vorbei treiben, und die Einheimischen mit ihren Motorbooten hin und her flitzen. Wir laufen in die Stadt, um das Leben Ilulissats näher zu erkunden und nach Ersatz für die vergessenen Sonnenbrillen zu suchen. Unerträglich bei den vielen Eisflächen und strahlendem Sonnenschein. Der Supermarkt führt neben Klamotten, frischen Südfrüchten und langen Reihen alkoholischer Getränke auch Sonnenbrillen. Beim Zahlen wird das Kartengerät eingeweiht, bargeldlose Zahlung scheint unüblich und sorgt für Anfangsschwierigkeiten. Mit den neuen Brillen ausgestattet schlendern wir ins Zentrum und setzten uns auf die Terrasse eines Restaurants. Für eisige Temperaturen wäre ich bestens gekleidet, an dem geschützten Platz schmelzen wir während dem Essen in der Augustsonne. Grönländische Pizza – kein kulinarisches Muss. Anschließend spazieren wir zwischen den bunten Holzhäusern zum Hafen und finden direkt am Kai eine Sitzgelegenheit um das Treiben zu beobachten. Unzählige Boote liegen im schmutzigen Hafenwasser zwischen Eisbrocken, Plastikflaschen und Fischköpfen. Strenger Geruch weht von der nahegelegenen Fischfabrik herüber. Die Tankstelle neben uns ist gut besucht. Neben Sprit für die Boote kann man Fischereizubehör und Waffen kaufen. Mit geschultertem Gewehr laufen die Männer an uns vorbei, während am Heck ihres Bootes die erlegten Robben ausbluten.

 

Robbenfleisch ist wichtiges Nahrungsmittel in Grönland

 

Der nächste Tag ist komplett verregnet. Grau in grau drückt der triste Anblick auf Illulisat mit seinen oberirdisch verlegten Rohrleitungen, der Fabrik und den einfachen Holzfassaden. Wir erahnen, warum die Selbstmordrate die höchste der Welt ist und Alkoholiker zahlreich. In dieser melancholischen Stimmung wirkt das Jaulen und Bellen der Schlittenhunde besonders kläglich. Direkt vor unserem Hotelzimmer ist das Rudel an lange Ketten gehängt und sucht vergeblich nach Beschäftigung.

 

Illuminat ist eine Ortschaft an der Westküste von Grönland

 

Am nächsten Morgen ist das Wetter besser. Dick eingepackt laufen wir für einen Bootsausflug zum Eqi Gletscher zurück zum Hafen. Drei Stunden fahren wir in der Discobay an der Küste entlang, vorbei an großen und kleinen Eisschollen, Eisbergen mit bizarren Formationen und einsamen Siedlungen. Die Temperatur sinkt rapide. Dann stehen wir vor der gigantischen Eiskulisse. 1000 Meter hoch, 5 Kilometer breit. 20 Millionen Tonnen Eis brechen hier im Schnitt täglich von der Eiskante ab und stürzen krachend ins Meer. Der erste Eisbrocken versetzt uns heftig ins Schwanken und schaukelt das Boot minutenlang. Gebannt beobachten wir dieses gewaltige Schauspiel aus sicherer Entfernung und machen uns dann eingefroren auf den Heimweg. Selbstverständlich nicht mehr auf Deck, sondern in der warmen Kabine mit heißem Tee.

Wie bei den meisten Touristen ist unser Ausflug nach drei Tagen beendet. Unser Flieger nach Reykjavik startet planmäßig. Das ist durchaus außergewöhnlich. Wir lassen Illulisat hinter uns und fliegen zurück über die unberührte Landschaft, über die verzaubernde Welt aus Eis und dem tiefen Blau des Polarmeeres.

 

Eisberge schwimmen vor der Küste von Grönland

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