Grönland – Sommertage am Eismeer
Kennt ihr das? Man wählt ein Reiseziel in der Hoffnung etwas Ursprüngliches zu entdecken, etwas touristisch Unberührtes und Exotisches? Grönland klingt für mich außerordentlich exotisch – der Flieger aus Reykjavík ist dennoch mit Japanern, Amerikanern und Europäern überfüllt. Vergesst das Einzigartige – heute reist die ganze Welt überall hin.
Im südafrikanischen De Hoop Nature Reserve hatten wir Stunden in glühender Hitze auf einer Düne verbracht, um wenigstens eine Walflosse zu erspähen. Beim Anflug auf Ilulissat entdecke ich gleich mehrere Tiere in den eisigen Buchten. Wir landen zwischen zugefrorenen Flächen und karger, felsiger Landschaft und werden in einem Sammelbus recht unexklusiv zu unserem Hotel gebracht. Die Auswahl an Unterkünften ist noch überschaubar, der Tourismus wächst aber rasant – mit einem besondern Fokus auf Nachhaltigkeit und Inuit-Kultur.
Das ’nördlichste 4-Sterne-Hotel der Welt‘ liegt am Rand von Ilulissat direkt am Meer. Knapp 5.000 Menschen leben in der kleinen Stadt. Eine ganze Menge, denn Grönland ist zwar die größte Insel der Erde, hat mit rund 56.000 Einwohnern aber nur wenige bewohnte Siedlungen. Praktischerweise liegen alle an der Küste, denn zwischen ihnen gibt es keine Straßenverbindungen. Die Einwohner nutzen ihre Boote, um von einem Ort zum anderen zu gelangen und wenn das Land in den Wintermonaten unter einer Schneedecke versinkt, werden die Hunde aus ihrer Sommerpause erlöst und vor die Schlitten gespannt. Von unserem Hotelzimmer blicken wir auf das Wasser des Ilulissat-Eisfjords, auf vorbeiziehende Eisberge und hin und her flitzende Motorboote. Aus gutem Grund wurde der Fjord 2004 zum UNESCO-Welterbe ernannt: Er ist nicht nur landschaftlich ein eisiger Traum aus glitzerndem Eis, sondern beheimatet auch den sich am schnellsten bewegenden Gletscher der Welt, den Sermeq Kujalleq, der für einen guten Teil der Eisberge verantwortlich ist, die von der Disco Bay ins offene Meer schwimmen.
Beobachtungsposten in der Augustsonne
Wir laufen in die Stadt, um das Leben Ilulissats näher zu erkunden und nach Ersatz für unsere vergessenen Sonnenbrillen zu suchen. Ein großer Supermarkt führt neben Kleidern, frischen Südfrüchten und langen Reihen alkoholischer Getränke alle Dinge des täglichen Lebens. Mit neuen Sonnenbrillen ausgestattet spazieren wir zwischen den bunten Holzhäusern zum Hafen und finden direkt am Kai eine Sitzgelegenheit um das Treiben zu beobachten. Unzählige Boote liegen im schmutzigen Hafenwasser zwischen Eisbrocken, Plastikflaschen und Fischköpfen. Ein strenger Geruch weht von der nahegelegenen Fischfabrik herüber. Die Tankstelle neben uns ist gut besucht. Neben Sprit für die Boote kann man dort Fischereizubehör und Waffen kaufen. Mit geschultertem Gewehr laufen die Männer an uns vorbei, während am Heck ihres Bootes die erlegten Robben ausbluten.



Der graue Alltag
Der nächste Tag ist komplett verregnet. Grau in grau drückt der triste Anblick auf Ilulissat mit seinen oberirdisch verlegten Rohrleitungen, der Fischfabrik und den einfachen Holzfassaden. Für einen Moment glauben wir zu verstehen, warum Grönland die höchste Suizidrate der Welt hat – auch wenn die Ursachen weitaus komplexer sind und vor allem in kolonialen Traumata und gesellschaftlichen Umbrüchen liegen.
In dieser melancholischen Stimmung wirkt das Jaulen und Bellen der Schlittenhunde besonders kläglich. Direkt vor unserem Hotelzimmer ist das Rudel an langen Ketten angebunden und sucht vergeblich nach Beschäftigung.

Eisiges Welterbe
Dick eingepackt laufen wir am nächsten Tag für einen Ausflug zum Eqi-Gletscher zurück in den Hafen. Drei Stunden tuckern wir mit einem alten Fischkutter in der Disco Bay an der Küste entlang, vorbei an großen und kleinen Eisschollen, Eisbergen mit bizarren Formationen und einsamen Siedlungen. Die Temperatur sinkt rapide. Dann taucht sie vor uns auf: Eine gigantische Eiskulisse. 1000 Meter hoch, 5 Kilometer breit. 20 Millionen Tonnen Eis brechen hier im Schnitt täglich von der Eiskante ab und stürzen krachend ins Meer. Der erste Eisbrocken versetzt uns heftig ins Schwanken und schaukelt das Boot minutenlang. Gebannt beobachten wir dieses gewaltige Naturschauspiel aus sicherer Entfernung und machen uns dann eingefroren aber tief beeindruckt auf den Heimweg.
Wie bei den meisten Touristen ist unser Ausflug nach drei Tagen wieder beendet. Unser Flieger nach Reykjavik startet planmäßig, was durchaus keine Selbstverständlichkeit ist. Wir lassen Ilulissat hinter uns und fliegen zurück über die unberührte Landschaft, über die verzaubernde Welt aus Eis und dem tiefen Blau des Polarmeeres.




